Von der Jolle zum Charterboot



Moin!

Ist für alle Einsteiger gedacht, die nach SBFS/ SBFB nicht so recht wissen, was jetzt nun folgen könnte, und natürlich als Erinnerungshilfe/Witzgrundlage für Segel(-tastatur-)Experten.


Fakten:
Nie ein Segelboot gesehen, dann eine Woche Probesegeln 98, 2 Wochen Elba SBFB 99, Holland/Bremen VHS SBFS 00.


Für 840 DM/Woche ein 6,80m langer 15qm-Jollenkreuzer aus Holz, gebaut 1950, Holzvorstag, 2 Kojen, Mueritz.
Verpflegung, Klamotten und Utensilien mit, dass das Auto nur noch mit der Hinterachse Bodenkontakt hatte.
Wichtige Sachen, wie Karten, Radio, GPS, Lot leider noch beim Fachhändler.


Los am 16.09
früh in Bremen, Übernahme war 14.00 Uhr,
also genügend Zeit zum aufgeregt sein. Völlig unsichere Übernahme: will der mich evtl. alle Kratzer/ Beschädigungen, die schon und noch nicht dran sind bezahlen lassen ? Hinterlegung der Kaution mit ungutem Gefühl (im nachhinein war alles OK). Mit Vercharterer Ausrüstung und Funktion des Bootes durchgegangen, danach Mast legen und wieder stellen probiert (für die zahlreichen Brücken). Dafür wird der Fuß vom Holzvorstag und der Mast mit einer 1,5m langen Stahlstange verbunden, an den Fuß des Vorstags und der ursprünglichen Fußvorstagsbefestigung wird eine Art Grossschot eingehangen, Mastschraube raus, einer ans Heck und schon kann man das Ding plumpsen lassen oder per Schot abfedern, falls das Boot nicht überbucht ist. Dazu gab es noch einen weit nach hinten gesetzter AB (4PS), da einige Vorgänger die fürchterlich zappeligen Propellerblätter per Ruder entfernt hatten. Auto für 10DM hinter Gittern auf dem Gelände. Alle Sachen aus dem Auto aufs Boot, als das fest auf dem Grund einrastete, die unwichtigen Dinge (DK, Schlechtwetterkleidung, Salzwasser-Bose-HIFI-Anlage) wieder zurück.
Essen. Streit um Plundertasche (Plüschtier). Schlafen.


17.09.
2 cm Morgentau auf dem Boot, Wind 2-3 Bft
leichte Kälteunmutsbekundungen meiner Freundin. Essen. Aufgeregt sein. Mast unten. Motor an. Leinen los. Rückwärtsgang --> _Hektik_ !!! Jedesmal beim Einlegen des Rückwärtsgangs klappt der AB nach oben, Steg nicht mehr erreichbar, aber bald der nächste, Jeden Scheixx lernt man bei den Scheinen, nur nicht was man braucht, _Hilfe_!!! Mit hochrotem Kopf, zehnmal hoch und wieder runter geklapptem AB, ständig wechselnd zwischen Leerlauf und Rückwärtsgang, Fender auf der falschen Seite, nächster Steg noch 2m entfernt, durch Unfähigkeit und Wind soweit gedreht, dass ich selbst für einen Anfänger bequem per Vorwärtsgang wegfahren kann. Wozu die Aufregung? Mast Stellen (nach der Brücke), anlegen und 20 mal abstoppen per Rückwärtsgang, bis ich begriffen habe, dass zuerst der Gang und dann die Klappsperre einrastet, falls der AB nicht durch zuviel Gas schon an Deck ist (aha - im Vorwärtsgang klappt der Motor bei Grundberuehrung nach oben), auftakeln, Leerlauf, Ablegen unter Segeln, wie gelernt, Motor aus. Wir segeln, das erste Mal ohne Lehrer, ohne Absicherung (außer Schwimmweste) auf unserem ersten gechartertem Boot, glücklich. Einmal quer über die Mueritz und die Hälfte zurück. Anlegen im Hafen Roebel, kein Helfer in Sicht, Hektik, aber alles OK.
Essen. Streit um Plundertasche. Schlafen.


18.09.
Unter Vollzeug los, außerhalb der Bucht heftiger Wind (ca. 4-5 Bft.),
oh Großsegel kann man gar nicht reffen, Fock runter, 6 h wunderschönes Segeln, Wind wird stärker, Anlegen in Waren mit Rückenwind, völlig freie Stelle gesucht, 2. Anlauf klappt, Hafenmeister erzählt was von stetigen 7 Bft. in Böen 8 kann ich aber nicht glauben, in den folgenden Tagen wird es noch heftiger. Beim Zusammenlegen der Segel entdecken wir einen ca. 1m langen Riß an der Naht des Achterlieks der Fock. Telefon, Bus, Fußweg, schon 100DM-Scheine durch die Luft segelnd sehend, Kostenvoranschlag 30DM.
Essen. Streit um Plundertasche. Schaukelschlafen.


19.09.
5km Jogging zum Tuchmacher in Klink,
25DM bezahlt, Zeit, Fußmarsch nach Waren durch den Wald. Ja was steht denn dort ? Eine wunderschöne Braunkappe, ab in die Jacke, und noch eine und ein Birkenpilz, von unbekannter Größe, Röhren schon braun 15-20cm Hutdurchmesser, ab jetzt nur noch die Großen gesammelt. Na jetzt aber ab zum Boot, 1 h Fußmarsch, böser Blick meiner Freundin, der sich nach Präsentation unseres Abendessens (nicht vom Vortag, pfui) wieder erhellt. Mit ca. 5-6 Bft. im Rücken und Mast Legen und Stellen während der Fahrt (sind jetzt schon Profi) und nur Groß mit einmal motoren durch Kanal (Motor an, in den Wind drehen, Baum auf Baum- und Mastablage, Ruder festbinden, wenig Gas, Groß bergen, Kanal und umgekehrt, nur zuerst in den Wind drehen). Durch den starken Wind sind wir nach ca. 1,5-2 h in Malchow. Anlegen klappt mit Aufregung, geschützter Fastkanal.
Pilzessen. Streit um Plundertasche. Schlafen.


20.09.
5-6 Bft. gegen, nein das ist nun wirklich nichts für uns Anfänger,
Vollzeug trauen wir uns nicht, Groß/ Fock kann bei diesem Boot nicht gerefft werden, und die Q-Wenden vom Vortag bei 5-6 haben uns reichlich beansprucht, Angst gemacht, durchnäßt. Also Motor an zurück in die Mueritz (langsam an Rückreise denkend), Im Koelpinsee geht plötzlich der Motor aus. Verdammt noch mal ich bin Anfänger und sowieso schon klatschnaß, wieso ich? Anlasser ziehen -> nichts. Tankdeckel auf, puh die Entlüftungsschraube zischt, Anlasser ziehen --> an, Sprit noch ca. ein Liter drin, bis zum Kanal, nachgefüllt. nach Klink. Mit ca. 6 Bft. werden wir Anfänger mit Rückenwind in die uns unbekannte Hafenanlage gedrückt, Panik, der erste Steg, davon die Wind abgewandte Seite(soweit reichts noch) ist meine, fest Hurra, wir liegen Breitseite direkt der Hafeneinfahrt gegenüber, von der 1m hohe Wellen rein gedrückt kommen, traumhaft. Wie wir heute auf dem Boot kochen sollen ist uns ein Rätsel. Hilfe eines netten Herrn: "Fahren Sie doch hinten hin, ich nehme Sie dort in Empfang". Dank und Angst vorm Verholen. Freundin steigt mit aus, ich fahre nach hinten und lande mit Schwert auf Sandgrund, fest, ganz langsam aber fest, was nun in der Hafenecke mit 1m Wellen im Rücken ? Motor Rückwärtsgang halbe Kraft, unter Deck, Schwert halb aufholen, Vollgas zurück, Vorwärtsgang ab in die Bucht, vertaut. Ab zum Hafenmeister zum Bezahlen, der uns mitteilt, dass wir dort falsch liegen und genau auf die andere Seite müssen. Ich bin völlig fertig, aber es gelingt problemlos.
Essen. Streit um Plundertasche. Schlafen.


21.09.
ca. 6 Bft.
per Motor nach Claassee, kurze steile Wellen, ich denke jeden Moment fällt das Boot auseinander so kracht das Boot auf die Wellen, mitten auf der Mueritz Sprit alle, nachfüllen, sehr geschützter Hafen, Ausgießen der Gummistiefel auf dem Steg, langsam geht's an die Substanz. Scholle im Restaurant.
Kein Essen auf dem Boot, kein Streit, nur Schlafen.


22.09.
Wunderschöner Tag.
Wir segeln bis nach Waren und wollen bis Rechlin zurück kreuzen, da reißt beim dicht knallen die Schlaufe im Tophorn der Fock. Nur mit Groß laufen wir entweder kaum Geschwindigkeit oder kaum Höhe. Motoren gegen den Wind und mit Halbwind dann per Groß bis Rechlin. Segeln in der Dämmerung. Einfach schön. Mast Legen, Motoren bis Vercharterer Steg, Anlegen geht schon perfekt.
Abendspaziergang. Essen. Streit um Plundertasche. Schlafen.


23.09.
Übergabe des Bootes. Busfahrt, Tuchmacher kosten wurden vom Vercharterer erstattet! Heimreise.


Fazit:
Wir waren in jedem Hafen die Attraktion. Nicht wegen unserer Anlege Künste, sondern wegen unserem wunderschönen Boot. Ich kann traditional boot Charter nur weiter empfehlen, wenn man alte Holzboote mag und auch einige Alterungserscheinungen/ puristische Eigenschaften in Kauf nimmt. So mußten wir jeden Tag einige Liter aus der Bilge pumpen und außer Schlaflampen am Kojenende gibt es keine Huldigung an die Zivilisation, doch der 2-Gaspatronenkocher im Sitzkasten. Der Vercharterer war freundlich, kompetent und derjenige, der die alten Holzboote wieder aufbaut.
Liegegebuehren im Hafen liegen zwischen 10 und 20DM plus Duschen, überall recht sauber. Die Ratschläge wegen kurzen, steilen Wellen sollte man ernst nehmen. Ich denke, das war nicht meine letzte Charter bei tbc.

Die folgende Woche waren wir dann in Bulgarien (am Schwarzen Meer) und haben dort den Einzug des Winters genossen (16 Grad). In den letzten 2 Tagen hab' ich dann mal Surfen probiert. man, extrem niedrige Anfangsstabilität, egal von wo aus man das betrachtet. Ich meist von unten.




geschrieben von Ralph Kaptur, in Form gebracht und veröffentlicht von Martin Kortmann, hosted by KortWeb.