Nußbrot bei Reff 3

Der Kalender sagt heute sei Samstag, der 9. Oktober 1999. Das Außenthermometer behauptet mit digitaler Unbestechlichkeit es wären 14,3 Grad Plus (!). Die Pappeln am Feldrand biegen sich, also sind es wohl 5 - 6 Bft. aus südlichen Richtungen. So ganz genau kann man das ja hier nie sagen. Der Himmel ist grau, die Wolkendecke liegt nahezu auf dem Dach der Feldscheune gegenüber und ab und zu treibt der Wind heftige Regenflagen waagerecht über die gerade sprießende Wintergerste des Feldes auf der anderen Seite des Weges.

So ganz viel anders ist es eine Woche vorher auch nicht, aber dennoch ganz anders. Ist das wirklich erst eine Woche oder 7 Tage her?

Am Freitag, 1. Oktober 1999

kommen wir in Lemmer an.

6 Männer (?) oder doch vielleicht besser große Jungs zwischen 30 und Mitte 50. Untereinander bekannt durch die neuesten Technologien, Internet, Newsgroup und eMail. Ja, man hat sich schon mal getroffen, bilateral oder beim Treffen der Newsgroup de.etc.beruf.selbstaendig. auf der Phoenix in Beckum. 6 verschiedene Charaktere, mit 6 verschiedenen Berufen, Vorstellungen und Einstellungen.

Na gut, also von vorne:

Anfang September kommt die Idee zu diesem Törn auf, wobei der Skipper seine Unschuld nicht zwingend beteuern will. Kurze Zeit später ist die Crew vollständig, Waikiki gechartert und man kann sich den organisatorischen Fragen zuwenden.

So richtig gesegelt ist außer Jens-Peter und Skip noch keiner. Jens Erfahrungen beschränkten sich auf das Mittelmeer und schönes Wetter, wie er sagt. Demzufolge steht die Klamottenfrage zunächst im Vordergrund. Umfangreiche Recherchen im Netz und Skips und dessen Frau Silkes Hirnwindungen bringen dann aber doch noch eine halbwegs brauchbare Bekleidungsliste zu Stande.

Silke und Joachim beschäftigten sich währenddessen ausgiebig mit der Verpflegungsrolle, zu der später noch etwas zu sagen sein wird.

In der zweiten Fragerunde geht es dann um die Abwehr der Seekrankheit. Skips Meinung, daß ausschließlich Beschäftigung helfe will man ihm nicht abnehmen.

Langsam rückt der 1. Oktober näher und damit findet das Wetter immer größere Aufmerksamkeit. Kein Tag vergeht an dem nicht mindestens eine Mail im Postfach landet in der, natürlich immer mit einer passenden URL versehen, eine Starkwindwarnung für das Ijsselmeer enthalten ist.

Der Skip revanchiert sich grundsätzlich mit einem Hinweis auf wetter-online.de, die mit schöner Boshaftigkeit nie mehr als maximal 4 Bft. für unser Wochenende melden. Die anderen Wetterberichte werden zur Kenntnis genommen und in die Planung eingebaut.

Am Donnerstag dem 30.September beginnt das Segelwochenende. Jens-Peter, der von Berlin anreist, hat rund 700km zu bewältigen und trifft deshalb um 2000 in Dingelstedt ein, um am nächsten Tag die Weiterreise anzutreten.

Freitag, 1. Oktober 1999

Am Freitagmorgen starten wir nach einem ausgiebigen Frühstück gegen 0930 Richtung Wolfenbüttel, um Henning aufzunehmen. Henning kennt sich auch mit Wasser aus, als Sporttaucher aber besser unter als darauf. Wer weiß schon, wofür das gut ist. Über Braunschweig, Hannover, Bremen, Oldenburg und Groningen geht es dann nach Lemmer, wo wir gegen 1545 eintreffen.

Waikiki liegt am Kai zwischen den Dalben und wartete schon auf uns. Zwischen Fischfabrik und Kiessilos im Industriehafen. So ganz ausgehfein hat sie sich noch nicht gemacht, die Putzkolonne ist noch an Bord. Also können wir noch einen Gang in den Ort wagen.

Uns hängt der Magen auf Kniehöhe und dagegen muß was getan werden. Joachim, unser Bordjustitiar und Quartermaster ist mit den Lebensmitteln noch nicht eingetroffen also wählen wir Matjes- und Krabbenbrötchen sowie "bakken Mosselen". Wie meint Henning? Die Magenwände klatschen Beifall. Am Eingang zum Hafen können wir dann noch auf die Schnelle unseren Stander fertignähen lassen. Kosten: Etwas Charme. Wenig später tauchen dann auch Joachim und Wolfgang, unser Chief auf. Martin folgt als nächstes, er hat Skips Handynummer nicht und muß etwas suchen.

Es kommt, wie es kommen muß. Joachim öffnet die Kofferraumklappe, die mit einem Ruck aufspringt und den Blick auf Klappkisten, Trays, Bananenkartons und Tüten voll Lebensmitteln frei gibt.

Der Vercharterer ist mittlerweile auch wieder da und so können wir erstmal "einziehen". Waikiki, eine Jeanneau Sunshine, ist 37 Fuß lang (11,35m) und hat 3 Kabinen mit jeweils zwei Doppelkojen. Zwei Kojen befinden sich noch im Salon, die wir aber tunlichst frei lassen wollen. Dennoch, wenn 6 Leute gleichzeitig versuchen Ihre Sachen zu stauen, wird es eng. Also herrscht zum ersten- aber nicht zum letzten Mal Zustand. Meine Socken, Deine Socken, wo ist meine Mütze, hat einer meinen Südwester gesehen? Abnahme wollen wir eigentlich auch gleich machen........ Nun gut, verschoben auf 1800.

Bis dahin haben wir dann auch rund 150kg Lebensmittel, darunter so um die 50 Tafeln Schokolade und für 34 Liter Tütensuppen (irgendwie) untergebracht. Komisch, wie das Gefühl trügen kann. Der Wasserpaß ist noch da wo er sein soll.

Abnahme: Eigentlich problemlos auf und unter Deck. Waikiki ist mit allem technischen Spielzeug ausgestattet, was man sich nur wünschen kann. Nach rund 30 Minuten ist das erledigt und man läßt sich zum ersten Mal in die Kojenpolster plumpsen.

Dann gehen wir innerhalb der Crew nochmals alle Details durch. Zuerst die Bilgepumpe. Etwas Feuchtigkeit steht da ja immer drin.
Wat?
Geht nicht?
Geht nicht!
Hmmm, gibt ja noch die manuelle Pumpe.
Übrigens unter dem Navitisch eingebaut, mit festem Pumpenschwengel. Also pumpen und mitzählen. Ein Hieb, noch einen Hieb und pffffft spritzt das Wasser aus der Membran! Kann doch wohl nicht sein. Vercharterer über das Handy angerufen, er kommt gleich.

Währenddessen wird Silkes Erbsensuppe angewärmt und mit viel Hunger und lecker Nußbrot verspeist. Hat da eigentlich schon jemand die erste Tafel Schokolade angegriffen?

Vercharterer kommt und tauscht die Membrane der Duschpumpe mit der der Lenzpumpe und dann geht's. Mittlerweile ist es 2300 und irgendwie krabbeln alle in die Kojen. Lust auf die "Oude Sluis" hat keiner mehr. Schade.

Da verzieht sich der Skipper in die Navi-Ecke, kramt das Schiffshandbuch raus, die mitgebrachten Wetterberichte und macht sich Gedanken über den nächsten Tag. Beim elektronischen Barometer sind die Batterien alle und das mechanische hängt. Nix zu wollen. Angesagt sind Bft. 5 bis 6, in Böen 7 bis 8 aus NW. Unweerboeien mit schlechter Sicht inclusive. Das alles mit einer Newbie-Crew. Die Bügelfalte auf meiner Stirn gereicht als Negativform jeder Anzughose zur Ehre. Radio-Bremen auf 936 kommt nicht rein, genausowenig DLF und NDR. Nachdem auch längeres Stieren auf die Karte keine werterhellenden Erkenntnisse mehr bringt, verholt sich auch der Skipper in die Koje.

Samstag, 2. Oktober 1999

Regenböen und Starkwind. Genau nicht festzustellen, da das Anemometer erst ab 4 Bft. "losbricht" und dann irgendwelche abenteuerlichen Werte anzeigt. Dunkle graue Wolken fliegen tief am Himmel. Also erstmal Frühstück mit Ei'chen und lecker Nußbrot. Alle Mann ab auf die stationäre Sanitäreinrichtung und danach sammeln an Bord. Sicherheitseinweisung an und unter Deck. Zumindest der Skipper denkt zu diesem Zeitpunkt nicht im mindesten an's Auslaufen, zu sehr pfeift es im Rigg.

Nebenan in der Box macht man klar zum Auslaufen. Ein BR-Törn. Alle waren schon mehrfach unterwegs. Sehnsüchtig blickt Waikikis-Crew der "Südwind" hinterher, als diese aus der Boxengasse läuft. Doch schon im Vorhafen schiebt sie nur unter Top und Takel heftig Lage. Skip läßt es sich nicht nehmen ausdrücklich darauf hinzuweisen.

Nix ist schlimmer für eine Crew als untätig im Hafen rumzugammeln.
Also los:
Zwei Mann in die Stadt, um noch das Notwendigste zu besorgen. Gleichzeitig vom Hafenmeister des Gemeindehafens den letzten Wetterbericht abfassen. Super, der hatte zwar auch nur einen vom Donnerstag, ergänzt den aber vom Hörensagen und gibt ihn unseren Jungs gleich mit. Ja, den draußen aus dem Schaukasten. An Bord noch zwei Leute gesucht und dann Reff drei eingezogen. Ganz schöne Fummelei, wenn man das Groß nicht wenigstens ein wenig vorheißen kann. Natürlich paßt die Reffkausch drei nicht mehr auf den Reffhaken, so daß sie mit einer Behelfstalje geholt werden muß. Wer segelt schon mit Reff drei? Irgendwann ist auch das geschafft und immer noch kein Wetter zum Auslaufen. Also Sicherheitseinweisung nächster Teil. Die Gurte, Westen und Lifelines hatten wir ja schon vorher probiert, also geht es an die Strecktaue, mögliche und unmögliche Pickpunkte und so weiter. Als dann wirklich nichts mehr zu tun ist - außer Warten - kommt uns das Schicksal zur Hilfe.

Die Südwind läuft gegen Mittag wieder ein.

Mannschaft zerzaust wie Wellensittiche in der Mauser, gnatteriger Skipper, Loch im Groß. Na wenigstens eine Abwechslung und der Crew zur Warnung. Nun ist zumindest eines sicher, auf Waikiki wird keiner leichtsinnig.

Ursprünglich ist geplant sich mit "de Steert" aus Heeg irgendwo vor Stavoren zu treffen, um anschließend in Hindeloopen zu Tisch zu gehen. Irgendwann kommt jedoch die SMS auf's Handy, daß "de Steert" des Wetters wegen mit dem PKW nach Amsterdam zum Shopping unterwegs sei. Als neuer Treffpunkt wird für Samstagabend 1930 der "Wilde Man" in Lemmer verabredet.

Zu diesem Zeitpunkt reißen die Wolken auf, der Wind läßt etwas nach. Die Entscheidung fällt nicht leicht. Auslaufen ist angesagt.

Alle Mann auf Stationen, Aufgabe zugewiesen, nachgefragt ob verstanden. Einhelliges Nicken.

Maschine an. Vorleinen los, etwas Schub, Achterleinen los. Waikiki bewegt sich. Langsam voraus, und dann: Nix.
Häh?
Gas weg. Umgucken.
Noch ein Anlauf, etwas Gas, Waikiki geht etwas voraus und...steht. Gibt's doch nicht.
Na dann eben richtig, Vollgas. Waikiki ruckt ein, nimmt den Bug etwas runter und .... steht. Gas raus, Kupplung raus ---- festgewachsen, zugeschlickt, Octopus am Kiel ---- Skipper von "Südwind" zuckt auch bloß verständnislos mit den Schultern und guckt fragend....

Auf dem Vorschiff des Rätsels Lösung. Irgendwas in der Kommandoleiste ist schiefgelaufen. Martin hält feinsäuberlich die Steuerbordvorleine um den Dalben belegt. Der Bitte sie zu lösen kommt er gerne nach und siehe da, Waikiki kommt frei und wir machen uns gegen 1300 auf den Weg nach draußen.

Irgendwo auf Höhe der Prinzess-Margret-Sluis setzen wir das Groß. Sofort schürzt Waikiki Ihr Röckchen und zeigt, daß sie Rennen kann. Maschine aus, Vorsegel zu einem Drittel ausgerollt und wir segeln. Trotz wenig Tuch läuft sie wunderbar. Ab und zu schleift der Zaun zwar im Wasser, aber die Besegelung scheint zu stimmen. Mehr können wir eh nicht wegnehmen.

In diesem Moment wird der Skipper abrupt aus seinen segelphilosophischen Trimmbetrachtungen gerissen. Hinter ihm an der Steuerbordkante erschallt das völlig revieruntypische Röhren eines brünftigen Hirsches. Ein Blick zurück bestätigt die Vermutung. Ein gelber Hintern ragt in die Luft und ein weit geöffneter Kopf sucht zwingend die Nähe der Wasseroberfläche. Nun, solch ein Verhalten schreit geradezu nach Mitstreitern und so heben sich in trauter Eintracht wenig später zwei Hinter in die Höhe und die dazugehörigen Crewmitglieder röhren und röcheln um die Wette, daß es die wahre Pracht ist. Während dessen sitzt der Chief im Heckkorb und spuckt nur manchmal dezent nach achtern über die Kante. Zumindest die Möwen können dem etwas Positives abgewinnen. Verfluchte kurze Hackwelle auf dem Ijsselmeer.

Jens hat zwischenzeitlich das Rad übernommen und Henning und der Skip machen die Deckhands. Einen definierten Kurs laufen wir nicht, wir betrachten den Samstag als Übungsfahrt und kreuzen in der Lemmerbucht mal hierhin (Rotterdamsche Hoek) und dorthin (Frouwen Sand) und gewöhnen uns an unser Boot, an die See und an uns. Unter Deck mag von der Crew keiner, also krabbelt der Skip runter, fragt ob etwas aus der Bierlast oder sonstige kulinarische Genüsse gewünscht werden. Dieses Angebot wird jedoch entrüstet mit entsprechender akustischer Untermalung zurückgewiesen. Völlig unverständlich.

Wenn jetzt jemand fragt, ob wir navigieren, so muß mit Nein geantwortet werden. Das Gewässer ist überreichlich betonnt, Landmarken sind jederzeit auszumachen und wir haben ein sehr gutes Steinerglas an Bord. Das reicht.

Ab und an gehen heftige Regenschauer nieder, dabei zeigt sich, dass die Bekleidung gut gewählt ist und den Anforderungen entspricht. Der Kälte oder Nässe wegen fällt keiner aus. Gegen 1600 ist es dann für den ersten Tag genug . Mit achterlichem Wind laufen wir langsam wieder auf Lemmer zu. Blöd gemacht, ich gebe es zu. Diejenigen, die sich gerade wieder gefangen hatten, bekommen durch die achterliche Welle noch einen mit und drohen erneut grün zu werden. Da haben wir die Ecke aber auch schon erwischt und drehen um die Huk in die Hafeneinfahrt ein. Der Wind kommt nun dwars von Steuerbord und es geht erheblich besser. Zum Anlegemanöver sind alle auf Ihren Posten, nur Wolfgang erholt sich nicht.

Die Crew der Südwind begrüßt uns im Hafen. Man ist gerade dabei seeklar zu machen, um mit geflicktem Segel nach Enkhuizen auszulaufen. Auf Ipanema auf der anderen Seite, Vater mit halbwüchsigem Sohn und Tochter, schauen sie recht skeptisch. Gegen 1800 sind wir wieder fest im Hafen.

Nun heißt es landfein machen, erwarten wir doch Besuch von "de Steert". Die haben sich mit Damenbegleitung angemeldet (logisch, welche Herrencrew wäre auch zum Shopping nach Amsterdam gefahren). Innerhalb kürzester Zeit sieht der Salon aus wie eine chinesische Schnellwäscherei. Kein Ort an dem nicht irgendeine Jacke, ein Schal, eine Kombi oder weiß der Himmel was zum Trocknen hängt. Hier zeigt sich an Joachims Sweat-Shirt, daß die Kleidung auch ordnungsgemäß geschlossen sein sollte, sonst leckt es doch. Waikiki hat eine Dieselheizung, so wird diese angeschmissen und die Crew verläßt ihr Schiff zm Landgang. Pünktlich um 1930 trifft man sich im "Wilde Man" und speist bei angeregtem Gespräch vorzüglich. Die Preise entsprechen ungefähr denen in unseren deutschen Häfen, allerdings unterscheiden sich die Gerichte etwas. Alles in allem, es war lecker. Gegen 2300 löst sich die Gemeinschaft dann auf. "De Steert" fährt mit dem PKW zurück nach Heeg und die Crew der Waikiki beraubt den Wirt der letzten 1 hfl. Stücke. Die werden zwingend für den Duschgang am nächsten Morgen benötigt. Trotz guten Zuredens ist außer Henning keiner bereit noch einen Besuch in der "Oude Sluis" folgen zu lassen. Also müssen Henning und Skip dieses sicherlich sehens- und erlebenswerte Wirtshaus alleine aufsuchen. Nun, am nächsten Morgen gibt es dann beim Frühstück mit lecker Nußbrot reichlich zu erzählen und zu necken, denn die koloniale Vergangenheit Hollands sorgt nicht nur für Unruhe sondern auch für hübsche Töchter...

Sonntag, 3.10.1999

Gegen 0930 meldet sich der Skipper der Ipanema zum Besuch an. Da sein Funkgerät nicht funktioniert, wollen wir gemeinsam um 1015 den Wetterbericht von Scheveningen Radio auf Marifoon Kanal 01 hören. Dann kann jeder für sich über den weiteren Tagesablauf entscheiden. Seinem Wunsch kann ich nur mit einigen Bedenken zustimmen und hoffen, daß Töchterchen nicht unbedingt ebenfalls den Wunsch verspürt einen holländischen Wetterbericht zu verfolgen. In unserem Salon herrscht Zustand, der in der verbleibenden dreiviertel Stunde unmöglich zu beseitigen ist. Skipper kommt alleine. Der Wetterbericht hätte auch vom Vortag sein können. Nix Neues. SW bis NW 5 bis 6, in Böen 7 bis 8, Regenböen mit verminderter Sicht. Der Kollege in Scheveningen schließt mit den Worten: Warten wir mal bis um 1300, dann wissen wir mehr. Das wollen wir aber nicht, also laufen wir um 1245 aus. Ziel Enkhuizen oder Stavoren, je nachdem, wo uns der Wind unter unserer Krückenbesegelung, immer noch Reff 3, hinläßt. Zuerst läßt es sich gut an. Wir können den Kurs auf Stavoren gut anliegen und hoffen vom Frouwen Sand freizukommen. Trugschluß. Auf halber Strecke ist der Kurs nicht mehr zu halten, wir gehen über Stag und laufen auf das Fahrwasser Lelystad- Lemmer zu. Enkhuizen wird bei diesem Wind ebenfalls unerreichbar und so fahren wir Straßenbahn zwischen der SB8 und LC10 in der Lemmerbucht.

Nicht, daß jemand meint sowas wäre langweilig. Unser Chief Wolfgang, der am Vorabend eine Virusinfektion bei sich konstatierte sitzt an den Heckkorb gelehnt und beobachtet interessiert das Geschehen um sich herum. Bloß bewegen will sich der faule Sack nicht. Später erfahren wir dann auch warum. Urplötzlich kommt der leise Hinweis: Übrigens, da schwimmt ein Fender. Richtig, irgendwas hatten wir am Samstag vergessen. Aber das Fender rausschmeißen wollte sich eigentlich der Skipper vorbehalten. Egal. Maschine an, Jens am Rad, Skipper holt den Bootshaken und los. Nach drei Anläufen innerhalb von zweieinhalb Minuten haben wir den Kameraden. Peinlich, es war einer der unserigen. Hing am Bug und beim Ablegen hat keiner daran gedacht das Ding reinzuholen. Alles klopft sich auf die Schultern, ja, so kann's gehen. Es war ordentlich Wind, die Welle für das Ijsselmeer auch nicht schlecht und zu lange hat es auch nicht gedauert. Wäre es einer von uns gewesen, nein, er wäre nicht versoffen. Kaum waren diese Gedanken zu Ende gedacht, kommt ein erneuter Ruf vom Chief: Da schwimmt noch einer..... Wie? Was? Gibt's doch gar nicht. Also noch mal. Diesmal klappt's noch besser. Ein Anlauf und auch der Kumpel ist an Bord. Nicht unserer, also richtige Beute. Das hebt die Stimmung trotz des bescheidenen Wetters und alle wollen noch mehr "Fender fischen". Anscheinend beißen die aber nur bei schlechtem Wetter und da sich das immer weiter bessert haben wir kein Glück mehr. Nun ist es allerdings zu spät, um Enkhuizen noch im Hellen zu erreichen. Die Erfahrung und auch der körperliche Zustand der Crew nach der Knüppelei verbieten es, also geht es - mal wieder - zurück nach Lemmer. Irgendwann Maschine an und nach wenigen Minuten lautes Piepen im Cockpit. Temperaturkontrolle. Was ist das nun wieder? Ein Blick über die Kante zeigt, kein Kühlwasseraustritt aus dem Auspuff. Jetzt bloß keine Hektik. Mit der Crew unter Segeln in den Hafen? Warum eigentlich nicht? Also los, Maschine aus, Fock ganz raus, das Groß hatten wir schon unten. Waikiki läuft nicht schlecht unter der Notbesegelung. Ein Blick in den Verklicker zeigt, daß es klappen müßte. Und es klappt. Kurz vor der Boxengasse Maschine an. Diesmal hält sich Skip zurück und Jens fährt das Anlegemanöver. Alle sind auf ihren Stationen und machen ihren Job. Um 1630 sind wir fest und die Maschine samt Kopfdichtung ist noch heile. Zum erstenmal kommt mir der Gedanke, daß ich da eine ganz außergewöhnliche Crew erwischt habe.

Uns, zumindest dem Skip, tun nach der Bolzerei alle Knochen weh, aber noch ist kein Dienstschluß angesagt. Zuerst muß die Maschine gerichtet werden. Was kann das verdammt nochmal sein. Gebrauchsanweisungen auf französisch und englisch studiert, Martin als Dieselspezialisten konsultiert, nix zu wollen. Henning als Bordtaucher schüttelt prophylaktisch den Kopf. Nein, in dem Hafenwasser schwimmt wirklich etwas zuviel Grütze, als daß man freiwillig abtaucht. Ein Anruf beim Vercharterer läßt dann das Seeventil unter einem Wust von elektrischen Leitungen, welche wie Sauerkraut an die Seite geschoben werden wollen, zum Vorschein treten. Leitung trennen, Wasser ist da. Also trockengelaufen, als uns eine etwas höhere Welle den Hintern lupfte. Ja gibt's denn sowas? Die Reparatur erfolgte unter juristisch korrekter Protokollierung durch Vollgas geben. Nach wenigen Sekunden spuckt der Auspuff wieder Wasser und der eiserne Gustav hält für den Rest der Zeit die Klappe.

Kohldampf

Kurzentschlossen wird von Joachim ein 5l Topf Nudeln aufgesetzt. Was es zu essen gibt ist nebensächlich. Hauptsache es gibt überhaupt etwas und zwar schnell! Während der Topf noch auf dem Herd steht, sprudelt Jens 12 Eier. Kaum ist der Topf vom Herd schwingt der Skip, noch immer in der Klempnerkombi und von Henning kritisch beäugt, die Pfanne auf die Flamme. Etwas Margarine, 250g Würfelschinken (zum Speck schnibbeln hatte keiner mehr Lust) und das ganze etwas auslassen. Eier drüber, stocken lassen, fertig. Martin und Henning zerlegen derweil mit dem Segelmesser fachmännisch eine Gurke samt dazugehöriger Zwiebel und richten mit Pfeffer und Salz einen Akkordgurkensalat. Daß da kein Essig und Öl dran ist merkt hinterher keiner. Die zum Essen benötigte Zeit ist rekordverdächtig. Warum haben die eigentlich draußen nichts gegessen?

Damit beginnt ein gemütlicher Bordabend, weil wiederum keiner Lust hat irgendein Wirtshaus aufzusuchen. Die Dönekes und Fachgespräche tun hier nichts zur Sache. Es wird geschwatzt, getrunken und geknabbert und ab und zu macht sich mal einer zur Naßzelle. Irgendwann im Laufe des Abends gibt es einen heftigen Rumms. Kein Schrei, kein Platsch, also nix passiert. Nach 10 Minuten kommt Henning den Niedergang runter. Beim Aussteigen über den Bugkorb abgerutscht und "fast" in sein geliebtes Hafenbecken gesegelt. Mannomann. Wenige Augenblicke später das Kreischen eines Wendegetriebes und ein Bootsmotor unter Vollast. Die Crew geht von einem heftigen Regenschauer aus. Ein Blick aus dem Niedergang zeigt jedoch ein Segelschiff welches sich unter Vollast rückwärts von uns entfernt. Komisch. Auch nebenan auf Ipanema ist auf einmal Leben an Deck. Unser gemeinsamer Nachbar ist seine Box angelaufen und haut jetzt mit Vollgas ab? Was soll das? Erst auf unser Zurufen läßt er sich bewegen an seinen Liegeplatz zu verholen. Aber wie! Mit Vollgas schießen sie auf uns zu und wir sehen schon den Knick in Waikikis Rumpf. Das hat sie ja nun wirklich nicht verdient und mit der gemeinsamen Anstrengung von drei Bootsbesatzungen bekommen wir die Nachbarn auch in ihre Box. Auf dem Steg bekommen Martin und Henning fast einen Lachkrampf, weil der Vorschiffmann beim Versuch eine Leine zu übergeben sich fast stranguliert. Die verbliebene Waikiki-Crew kann gar nicht schnell genug eine ausreichende Anzahl Fender ranschaffen. Bohh, wat'n Streß. Nach diesem Manöver verläßt die Nachbarcrew fluchtartig das Schiff um nach Hause zu fahren. Langsam kehrt wieder Ruhe ein. Wolfgang läßt sich von Joachim in eine Pension bringen, um seine Virusinfektion zu kurieren. Auch die Medikamente aus der Apotheke haben nur zeitweise geholfen und erst am Mittwoch meldet er sich aus der Heimat wieder gesund. Irgendjemand brüht noch einen Tee, der zur Vorbeugung mit etwas Frostschutz der Marke Käpt'n Morgan versetzt wird. Wenig später krabbelt alles angenehm tüddelig in die Kojen.

Montag 4. Oktober 1999

Hoppla, ob es am Tee lag? Erst gegen 0930 kommen die letzten aus ihren Kojen hoch. Skip geht schon um 0700 zur Dusche und haut sich dann noch mal auf's Ohr. Martin und Jens geniessen den wirklich unerwartet wunderschönen Morgen im Cockpit. Bloß die Fischstäbchenstanze der Fischfabrik und der bimmelnde und kreischende Kran im Industriehafen nerven ein wenig. Müssen die Holländer, sorry Friesen, denn immer alles übertreiben. Frühstück mit Nussbr...., warum will das heute bloß keiner?

Der Blick des Skippers geht immer öfter nach oben zum Verklicker. Es ist Zeit zum Segeln und wer weiß, ob das so bleibt. Erst ist aber noch Backschaft dran und die Zeit läuft weg. Am Horizont zeigen sich schon wieder erste dunkle Wolken. Während die letzten noch zum "Druckzylinder" hetzen, schütteln Martin, Henning und der Skip Reff 2 und 3 aus. Wenn das man gut geht. Es ist eine Entscheidung aus dem Bauch, aber wie Sonntag festgestellt, mit gestutzten Schwingen fliegt Waikiki nicht. Es wird 1230 bevor wir wegkommen. Ärgern lohnt nicht, also nehmen wir es, wie es kommt. Bei mäßigem Wind laufen wir aus. Eine halbe Stunde später steht das Großsegel, wenig später steht die Fock, die wir etwas weiter als an den Vortagen ausrollen. Martin hat die erste Wache und fährt aus dem Hafen und die ersten Meilen unter Segel. Es ist erstaunlich, Vorgestern hat er noch spuckend unterm Zaun durchgepliert und heute läßt er unser Mädchen souverän hoch dran einfach so laufen, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Skip nutzt die Situation und genießt im Bugkorb sein Wellenrodeo. Nirgends ist das Leben schöner als dort. Einen Test muß Martin dann aber doch noch bestehen, Rasmus ist launisch. Kurz vor seiner Ablösung kommt ein Schauer auf. Diesmal Hagel, daumendick. Alle drücken sich in irgendwelchen Ecken rum und suchen Schutz. Martin und Waikiki ziehen eisern ihre Bahn.

Die nächsten eineinhalb Stunden gehören Henning. Lief Martin mit vorlichem Wind am Frouwen Sand entlang, darf Henning bei halbem Wind auf Lelystad halten. Keine einfache Aufgabe, hat er doch vom Skipper auch noch einen Kurs mit auf den Weg bekommen. Segelstellung, Wind und Kompaß zu beachten, das hat schon was. Dauert aber nicht lange, dann klappt auch das. Die Crew breitet sich im Cockpit aus, der Skipper macht sich unter Deck, denkt sich noch ein paar Gemeinheiten aus und serviert Häppchen. Siehe da, diesmal werden sie nicht verschmäht. Butterkekse, Hartwurst, Käse, Gurkenscheiben und zum Schluß Nuß-(ähhh, ja wirklich)Schokolade machen die Runde. Bloß die restlichen 2kg Nußbrot finden keinen Abnehmer.

Skip wird unruhig. Um 1800 müssen wir Waikiki abgeben und wir sind noch weit draußen, aber wo steht Waikiki? Ein Blick auf den GPS oder den Wayplaner sollten reichen. Gesagt getan, piep,piep,piep, No fix. Was'n das nu wieder? Eben noch sieben Satelliten und nun nix mehr. Bordastronom Martin muß ran. Den Gebrauch des magnetischen Handpeilkompaß hat er gestern schon gelernt, der elektronische bleibt in der Halterung. Kurz die Kreuzpeilung erklärt, dann darf er Enkhuizen, Lelystad und Lemmer schießen. Henning wird zum Kurshalten "verdonnert". Alle Peilungen sorgfältig notiert und dann kommt's. Runter an die Karte. Nach einem skeptischen Blick folgt Martin unter Deck und wir beeilen uns mit der Eintragung. Das Fehlerdreieck ist so klein, kaum auszumachen. Noch schnell die Position bestimmt und mit den 3 GPS (sieh tun's mittlerweile wieder) verglichen. Ergebnis: Schmeißt die Technik weg. Henning darf wieder laufen lassen "wie es geht", Martin sieht wieder Horizont und wir bereiten den Wachwechsel auf Joachim vor.

Anstatt der anstehenden Halse fahren wir eine Q-(Kuh-)Wende und gehen auf Heimatkurs Lemmer. Nach Peilung sollen es 9 sm sein, bei 6 Knoten Speed 1,5 Stunden, so daß jeder sein Quantum abbekommen würde. Henning, als Rudergänger abgelöst, begibt sich in den Bugkorb um skippermäßig auch mal Wellenrodeo zu genießen. Bei dem unbeständigen Wind gibt es als Zielansprache den Schornstein von Lemmer alles weitere wird sich finden. Alte See läuft von den Vortagen noch unter dem Heck durch und der Wind ist weiter auf NW gegangen. Schwierig ist das Steuern nicht, vielleicht etwas ungewohnt. Waikiki giert. Mit ein wenig Abweichung sollte der Kurs aber zu halten sein. Skip macht sich unter Deck um das Logbuch nachzutragen und da passierts. Eine Bö aus NW fällt ein und Joachim bekommt leichte Schwierigkeiten. Jens hat die Lage aber im Griff, so kann Skip alles beruhigt aus dem Niedergang beobachten. Joachim ist das Steuern von Modellbooten gewohnt, aber 5 to benehmen sich halt etwas anders als 5 kg. Waikiki beginnt Lage zu schieben. Da Joachim den Lemster-Turm im Bugkorb halten will, mag er nicht abfallen. Irgendwann ist die Ruderwirkung weg und Waikiki schießt in die nicht vorhandene Sonne und der Skipper quer durch den Salon. Dem nachfolgenden Peilkompaß kann er gerade noch ausweichen, bevor dieser neben ihm in den Salonpolstern landet. Souverän fährt die Decksmannschaft den Vollkreis zu Ende und geht wieder auf Kurs. Siedendheiß kommt Henning in's Gedächtnis. Der sitzt allerdings wie vorher im Bugkorb und bedankt sich für einen Panoramarundblick auf das Ijsselmeer. Anders das Boot neben uns. Fluchtartig luven sie an und sind wenig später weit von den bedrohlichen Chaoten entfernt. Joachim parkt, begrüßt und fotografiert von Wolfgang, vorbildlich ein und dann folgt.......

Das Ende der Reise

Um 1706 sind wir fest in Lemmer. Wir haben keine fremden Länder gesehen und keine fremden Häfen. Wir sind wie kleine Jungs nur aus Freude am Segeln unterwegs gewesen und ich glaube wir hatten viel Spaß.

Anders als bei Barawitzka ist der Törn damit aber nicht tot. Langsam beginnen wir Waikiki von unseren Hinterlassenschaften zu befreien, räumen langsam die Autos ein und quatschen noch eine Menge bevor Ruud eintrifft, um die Übernahme durchzuführen. Alles okay, keine Löcher in den Segeln, nix fehlt, nix kaputt. Endreinigung bezahlt und dann setzen wir uns noch zusammen in's Cockpit. Ruud eine Cola, Skipper ein Bier und so vergeht eine Stunde, in der die Sonne langsam untergeht. Als letzte Amtshandlung wird der debs-Stander von der Backbord-Saling geholt, dann macht sich die Crew auf den Heimweg. Die Ostler kehren noch im Imbiß ein, der Fischwagen hat schon geschlossen, Wolfgang und Joachim sind samt Restnußbrot in Richtung Deutschland entschwunden. Bitterballen, Hamburger und Schaschlik begründen den Schluß des Törns. Logisch auch, daß in der Riesenbaustelle Lemmer bei Dauerregen die Autobahnauffahrt verpaßt wird. Danach Groningen, Oldenburg, Bremen, Hannover, Braunschweig. Um 0030 am 5.10.99 ist Henning zu Hause und um 0130 sind Jens und Skip in Dingeldey. Silke kommt nochmal aus dem Bett gekrabbelt und man übt bis 0300 Manöverkritik.

... und dann ist der Törn wirklich zu Ende.

Ist er das wirklich? Die Crew wird sich zur Nachlese treffen und vielleicht auch, um neue Pläne zu schmieden. Man wird sehen, unter Umständen bringt ja auch jemand Nußbrot mit?



geschrieben von Edgar Warnecke, in Form gebracht und veröffentlicht von Martin Kortmann, hosted by KortWeb.